Werkstatt der Erinnerungen

Geschichten und Interviews aus unserer Gemeinde

Auf diesen Seiten wollen wir nach und nach Geschichten bzw. Erinnerungen von Gemeindemitgliedern oder ehemaligen Gemeindemitgliedern veröffentlichen. Auch die von unserer Pfarrbriefredaktion geführten Interviews mit Gemeindemitgliedern der Rubrik "Werkstatt der Erinnerungen" sollen hier einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden.

Pater Odilo Braun

Wer war Pater Odilo Braun? - von Klaus-Peter Lokai

P. Odilo Braun OP war in den Jahren 1941 bis 1945 maßgebliches Mitglied des „ Ausschusses für Ordensangelegenheiten“ der Deutschen Bischofskonferenz, einem der bedeutensten katholischen Widerstandskreise gegen das nationalsozialistische Regime.

Odilo Braun wurde am 18. November 1899 in Danzig als siebtes von neun Kindern und Sohn eines Schuhmachers geboren. Er wuchs in einer beengten Kellerwohnung in Danzig auf. Den Besuch des Gymnasiums musste er 1916 unterbrechen, um zum Unterhalt der Familie beizu- tragen, nachdem sein ältester Bruder im Krieg gefallen war. Nach einer Lehre im Reederei- und Speditionswesen trat er mit 27 Jahren in den Dominikanerorden ein und erhielt den Ordensnamen Odilo. Während des Studiums der Philosophie und Theologie legte Odilo Braun am 23. Oktober 1930 die feierlichen Ordensgelübde ab. Am 24. Februar 1933 empfing er die Priesterweihe im Dom zu Köln von Kardinal Schulte. Er zählte damit zum ersten Weihekurs unter der neu gebildeten nationalsozialistischen Regierung.

Im Unterschied zu vielen katholischen Christen – und auch vieler seiner Mitbrüder im Orden- , stellte sich Braun von Anfang an gegen das Regime. Er schilderte später die Erlebnisse, die ihm den Unrechtscharakter des Dritten Reichs schlagartig geoffenbart hätten. Von seinen Eltern sei er so erzogen worden, sich „immer für die Sache einzusetzen, auch unter persön-lichem Einsatz und Opfer“. Zu seinem Lebensprogramm machte er sich für Menschen in Not da zu sein und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Ab 1934 wurde Odilo Braun beauftragt Volksmissionen in Pfarreien zu halten und Einkehrtage für Gruppen zu veranstalten. Mitte 1936 übernahm er die Leitung des Albertus-Magnus-Verlags in Vechta (Oldenburg), bis dieser von der Gestapo geschlossen wurde. Braun war auch Herausgeber der Missionszeitschrift „Der Apostel“ . Im Herbst 1939 untersagte die NS-Seite das Erscheinen der Zeitschrift wegen „Papiermangels“. 1937 erhielt Odilo Braun von der Gestapo eine Verwarnung aufgrund einer kritischen Predigt zum Thema „ Sünde“. Am 1. August 1940 wurde Odilo Braun vom Orden zum Generalsekretär der Superioren-Vereinigung in Berlin bestimmt. Er setzte im Mai 1941 die Selbstauflösung durch, um ein Verbot zuvorzukommen. Im Sommer 1941 konstituierte sich der „ Ausschuss für Ordensange- legenheiten“ im Untergrund. Ein Gremium, das maßgeblichen Einfluss auf die Bischöfe nehmen und diese zum Widerstand gegen den NS-Staat bewegen wollte. Braun gehörte von Anfang an zu diesem Ausschuss. Ein Entwurf eines Hirtenbriefs vom Ausschuss zum Thema Menschenrechtsverletzungen durch die NS-Diktatur wurde vom Veto des Kardinals Bertram verhindert.

Odilo Braun hatte, wie auch die anderen Ausschussmitglieder, Kontakt zu verschiedenen Widerstandskreisen. Josef Wirmer und Pater Alfred Delp SJ stellte er seine Berliner Wohnung als Treffpunkt zur Verfügung. Der Ausschuss hatte sehr intensive Verbindungen zu Personen des Widerstandes und besonders zum „ Kreisauer Kreis“. Die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche wurde gesucht und als „ wünschenswert und geradezu notwendig“ angesehen. Die Jesuiten im Ausschuss sammelten Informationen u.a. aus dem KZ Dachau sowie über die Lage der Deportierten und über die Ermordung von Juden, Sinti und Roma.

Der vom Ausschuss ausgearbeitete „Dekalog-Hirtenbrief“ aus dem Jahre 1943 war die erste und letzte gemeinsame Verlautbarung des Episkopats, in der sich die Bischöfe durch Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen zu Anwälten der Menschenrechte machten. Hier sei besonders der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen mit seinen Predigten zu erwähnen, die an Klarheit und Eindeutigkeit kaum zu überbieten waren. Den letzten Ausschlag für diese Predigten dürfte ein Gespräch mit Odilo Braun am 7. Juni 1941 gegeben haben. Braun zeigte dem Bischof Listen mit beschlagnahmten Klöstern und drängte ihn zum Handeln. Galen antwortete: „ Bei mir ist noch kein Kloster besetzt worden“. Darauf Braun: „ Exellenz, man muß auch löschen, wenn das Nachbarhaus brennt. Man darf nicht warten bis der eigene Dachstuhl Feuer gefangen hat.“ Galen: „Ja, was sollen wir denn tun, Hirtenbrief ?“ Braun: „ Es muß kein Hirtenbrief sein, wenn ein Bischof die ganze Predigt vom Leder zieht, dann ist schon viel gewonnen.“ Galen: „ Dann kriegen wir Redeverbot.“ Braun: „ Als Bischof würde ich mich daran nicht halten.“ Galen: „ Dann werden wir einge- sperrt.“ Braun: „ Dann sind wir einen Schritt vorwärts, wenn ein Bischof eingesperrt ist.“ Vier Wochen später riskierte Galen Redeverbot und Verhaftung. Odilo Braun war als Mahner während der NS-Zeit bekannt. Um die Not der unter diesem Regime Leidenden wirksam zu begegnen, war ihm jedes Mittel recht, er schreckte vor keiner Autorität zurück. So rettete Pater Odilo im Januar 1943 eine Frau vor ihrer Deportation, indem er sie bis Kriegsende versteckte.

Odilo Braun stritt nie explizit ab, etwas vom Attentat am 20. Juli 1944 auf Hitler gewusst zu haben. Eine Beteiligung an einer Denkschrift, die die Ausschaltung Hitlers durch die Generalität vorsah, hat er nie bestritten. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler geriet Odilo Braun sofort ins Visier der Gestapo. Am 27. Oktober 1944 wurde Odilo Braun von der Gestapo verhaftet und nach langen Verhören in das Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin verbracht. Braun unterlag strenger Einzelhaft mit Haftverschärfung. Trotz Folterungen, er verlor sein Gehör auf dem rechten Ohr, konnte kein Geständnis von ihm erzwungen werden. Entscheidend in dieser schweren Zeit war für Braun, dass ihm Hostien und Messwein in das Gefängniss geschmuggelt wurden. So konnte er in der Zelle die Messe feiern und Mitgefangenen durch zwei“Kalfaktoren“ (ein Jude und ein Bibelforscher) die Kommunion auf die Zellen tragen lassen. - Am 12. Februar 1945 wurde Braun entlassen.

P. Odilo Braun nahm eine Stelle als Gefängnisseelsorger in Berlin an, die er bis 1958 behielt. Auf Empfehlung von Kardinal Preysing wurde er von 1944 bis 1948 vom Alliierten Kontroll- rat als Vorsitzender von vier Entnazifizierungskommissionen eingesetzt. Zwischen 1950 und 1953 übernahm Odilo Braun die Seelsorgearbeit beim“Katholischen Notwerk Berlin“. 1953 begann Braun als Lagerpfarrer im Flüchtlingslager Berlin. Schließlich beteiligte er sich am Aufbau des Dominikanerklosters in Braunschweig. Diesem Konvent gehörte er bis zu seinem Tode an.

Der Bischof von Hildesheim berief Braun Mitte 1960 zum Seelsorger für das Flüchtlingslager Uelzen (“Bohldammlager“). Hier trat er die Nachfolge von Pfarrer Walter Jansen (später Weihbischof in Köln) an. Gleichzeitig war er auch in Holxen in der Kapelle“Maria Rast“ eingesetzt. Hier gründete er auch die selbständige Vikarie“ Maria Rast“in Holxen. Religiöser Mittelpunkt des Gebietes Holdenstedt, Holxen, Kl. Süstedt, Böddenstedt und Suderburg.

Erinnerungen an diese Zeit im Raum Uelzen:

Der beige VW-Käfer mit dem Odilo Braun über Land fuhr und die Kinder zum Religions- unterricht einsammelte (Freitags um 14.30 Uhr z.B. Schule Holdenstedt). Für heutige Ver- hältnisse undenkbar. Die Fronleichnamsprozessionen im Park neben der Kapelle“Maria Rast“ in Holxen und die anschließenden Gemeindenachmittage mit Erbsensuppe von der Schlachterei Gmyrek Uelzen und Kuchen von der Bäckerei Ernst Holdenstedt. Die Mitter- nachtsmessen zu Heiligabend (damals lag noch oft hoher Schnee). So manche Sonntagsmesse die“ verlängert“ wurde, da noch kurzfristig eine Sakramentsandacht angesetzt wurde. Der Kirchenbus, der die Gläubigen in den einzelnen Orten einsammelte und sie nach der Messe wieder zurück fuhr. Ein Organist (Berufsschullehrer Norbert Wöhl) der die kleine Orgel in der Kapelle zur“Domorgel“ werden ließ. Pater Odilo Braun war sicher ein Seelsorger mit Ecken und Kanten. Aber Gerechtigkeitssinn, keine Angst vor Autoritäten und Humor zeichneten ihn aus. So war er auch bekannt für so manche Skatrunde in der Nachbarschaft in Holxen. Für Menschen in Not da zu sein und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen war sein Lebensprogramm. Nur wenige der Gemeindemit- glieder und Bewohner von Holxen kannten seine Geschichte im NS-Regime.

Odilo Braun war Kuratoriumsmitglied der Stiftung „Hilfswerk 20. Juli 1944“. Er engagierte sich insbesondere für öffentliche Gedenkveranstaltungen und war Initiator der Jahresgottesdienste in der ehemaligen Hinrichtungsstätte Plötzensee. Seine Predigten hier sind im Internet veröffentlicht.

Nach seiner Seelsorgetätigkeit in Holxen baute 1976 sein“Haus des neuen Anfangs“ für Strafentlassene in Groß Schwülper im Kreis Gifhorn mit seiner Haft-Entschädigung und Spendengeldern. Er verbrachte dort seinen Lebensabend.

Am 9. August 1981 starb Pater Odilo Braun in Braunschweig.

(Quellen: Antonia Leugers: Gegen eine Mauer bischöflichen Schweigens; Elias H. Füllenbach: Braun, Odilo , Biographisch Kirchenlexikon (BBKL); Pater Wolfgang Stickler OP Biografie Odilo Braun; Archiv für Christlich-Demokratische Politik Konrad- Adenauer-Stiftung Sankt Augustin).

Freund der Familie – Pater Odilo Braun

von Ulrich Galandi

Im August 1944 riet uns ein guter Freund der Familie, ein Dominikanerpater und Widerstandskämpfer als Mitglied im „Ausschuß für Ordensangelegenheiten“ der Deutschen Bischofskonferenz, zurück nach Berlin zu kommen. „Das geht nicht gut in Ostpreußen.“ Er wurde im gleichen Jahr noch von der Gestapo verhaftet und musste schwere Verhöre und Folter ertragen (214 Kniebeugen). Wir durften Wäsche liefern in das Gefängnis Lehrter Straße in Moabit und die Essensversorgung aufbessern, so konnten wir in beide Richtungen Nachrichten („Kassiber“) und geweihte Hostien in die Zelle schmuggeln. Unter großer Gefahr pflegten wir Kontakte zu den Capos (unterste Stufe der Vermittler).

Am 03.02.45 gab es einen schweren Luftangriff auf Berlin. Dabei kam der Generalankläger Josef Freisler ums Leben und seine Aktenberge verbrannten. So war eine Verurteilung von Pater Odilo Braun nicht mehr möglich und er wurde Mitte Februar freigelassen.

Seine erste Tätigkeit in Freiheit war es, meinen älteren Bruder (17 Jahre alt) vor dem Einzug in den Volkssturm zu retten, indem er ihm durch Kontakte eine Mittelohrentzündung auf dem Papier attestieren ließ.

Im April 1945 kamen die Russen immer näher über Wannsee nach Zehlendorf. Unser Heidehof war glücklicherweise für deren Militärfahrzeuge (Panzer) nicht passierbar, da die Straße viel zu schmal war. In dieser Zeit fand bei uns im Heidehof 29 täglich für alle Nachbarn ein katholischer Gottesdienst statt. Die Wege zur Kapelle in Schlachtensee waren zu gefährlich. Einmal kam ein Russe zu uns in den Heidehof und schoss mit seinem Maschinengewehr. Er forderte Uhren („Uri, Uri“) und Schmuck. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Des Krieges Schrecken und Not kamen immer näher. Nicht mehr nur aus der Luft – auf allen Straßen und Wegen rückten sie an. Aber wir wohnten in einer starken Festung und viele kamen täglich und fanden in ihr Zuflucht. Auch manch jüdische Mitmenschen wurden dort über lange Zeit versteckt. Man stelle sich vor, unter welch großer Belastung die Menschen versteckt wurden und am Leben erhalten wurden, da man für sie keine Lebensmittelkarten bekommen konnte und so das wenige, was man für sich selbst zum Überleben bekam, auch noch teilte.

Täglich kam auch er, der „Herr der Kriegshetze“ selbst und stärkte alle, die da versammelt waren, mit seiner Kraft: „Und die Marien-Königin zeigte, dass sie Mutter ist, wo die Not am größten ist. Sie breitete ihren Schutzmantel aus – und alle Stürme gingen vorüber. Nur einmal knallte es auf der Diele! – In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel ausgebreitet!“

An der Vigil von Pfingsten sangen wir so aus Dank und erfülltem Herzen heraus. Und jedes Mal, wenn wir so singen, dann sind die Tage vom 24. April bis 24. Mai 1945 mit allem, was sie brachten, wieder gegenwartsnahe und sind Anlass zu erneutem Dank und glaubensstarker und hoffnungsfroher Zuversicht.

Ulrich Galandi (90 Jahre) aus Berlin verfasste diesen Beitrag, weil er sich über den Beitrag auf unserer Internetseite besonders freute. Laut Herrn Galandi sei es einfach schön, auch von anderer Seite über das Wirken dieses besonderen Priesters zu erfahren.

Bischof em. Michael Wüstenberg

Ein Interview mit Bischof em. Michel Wüstenberg von Johannes Dornfeldt

J. D.:  Herr Bischof Wüstenberg, sie wurden in Dortmund geboren. Was verbindet Sie heute noch mit ihrem Geburtsort?

Bischof Wüstenberg: Ich kenne ihn nicht, nur den Hauptbahnhof. Aber die damals russverseuchte Stadt scheint viel sauberer zu sein. Die Grünanlage, in der ich als Baby heranwuchs, war der Friedhof. Vielleicht auch deshalb meine Freude an Beerdigungsleitern. Mit zweieinhalb Jahren zogen wir um, erst nach Hildesheim, dann berufsbedingt für meinen Vater nach Hamburg. Das ist, was ich als meine Aufwachsheimat bezeichne.

J. D.: Wenn Sie an ihre Kindheit und Jugend denken: Was oder wer hat Sie besonders beeindruckt oder geprägt? Haben Sie eine kleine Geschichte im Zusammenhang mit der Kirche in Erinnerung?

Bischof Wüstenberg: Eine der ersten Erinnerungen ist die an die St Josephs Kirche in der Kneipe in Hildesheim. Da spielte ich zum Verdruss anderer mit den quietschenden Haken, an denen man Hüte aufhängen konnte. Es war halt langweilig. Natürlich haben mich die Eltern geprägt. Bei meinem Vater seine Grosszügigkeit. Dann aber auch gerade Freunde. Und später auch Priester. Einer sagte mir mal, wenn er nicht Priester geworden wäre, dann wäre er Soldat geworden. Und der hat mich grossartig in meiner Kriegsdienstverweigerung begleitet. Nicht seine eigenen Ideen aufgedrängt, sondern in Freiheit geführt! Das war toll.

J. D.: Wir beten oft für mehr Berufungen ins Priesteramt. Wenn Sie sich an die Zeit ihrer Berufung erinnern: Wie hat Ihre damalige Gemeinde eventuell dazu beigetragen, diese zu entdecken?

Bischof Wüstenberg: Als Gemeinde eigentlich nichts. Die gibt es so ja auch nicht. Aber gute Jugendarbeit, damals bei den Pfadfindern, gab mir positive Erfahrungen. Längst nicht alles war toll in der Gemeinde; aber das Gute war so stark, dass es gar den Wunsch weckte – überheblich? – es besser machen zu wollen.

J. D.: 1982 traten Sie in Uelzen ihre erste Kaplanstelle an. Welche schönen Erinnerungen verbinden Sie mit Uelzen? Welche Geschichte blieb für Sie in besonderer Erinnerung?

Bischof Wüstenberg: Freunde, Begegnungen, die waren wichtig. Fahrradtour am Freitagabend – die gab gute Gedanken für die Predigtvorbereitung. Ich mochte die Leute. Einmal wollte ein junger Mann Christ werden; und wir hatten so was noch nie begleitet. Da mussten wir ausprobieren. Und glücklicherweise war ein junges Ehepaar bereit, da zu begleiten. Und da waren die Kontakte in die DDR, nach Salzwedel. Die Kontakte gediehen so weit, dass wir im kleinen Grenzverkehr mit Jugendlichen zum BDKJ Jugendkreuzweg dorthin fuhren, und von der katholischen zur evangelischen Kirche zogen, oekumenisch und in aller Öffentlichkeit über den Deich. Ja, und wegen Oukumene: die Fastenpredigten in der St. Marien Kirche.

J. D.: Ihr späteres Wirken führte Sie für lange Zeit nach Afrika. Wenn Sie an Ihre Arbeit im Lumko-Institut zurückdenken, was hat sie an der afrikanischen Art den Glauben und Gemeinde zu leben begeistert?

Bischof Wüstenberg: Wir hatten keine komplizierten Programme. Was geschah war einfach, wie bei den Freunden Jesu: Wir bauten Kleine Christliche Gemeinschaften auf. Gemeinschaft, die sich gegenseitig im Glauben und im Leben stärkt, ist der Ort, wo Glaube wächst. Ein Biotop des Glaubens. Ich weiss, dass eine beachtliche Zahl von Menschen hier davor zurückweicht. Aber das war das Prinzip Jesu, womit alles anfing. Vielleicht lohnt es, seine Methode anzuwenden. Und dann ist da die Vertrautheit mit der Bibel. Die war nicht schon immer da. Das fing mit dem Bibel-Teilen in den Gemeinschaften an, die systematisch seit 1989 eingeführt wurden. Es mutet ja nicht nur Aussenseitern seltsam an, wie wenig vertraut Christen mit ihrem Grunddokument sind. Ich habe manchmal gesagt, in der Bibel ist der Geist der Urkirche eingefroren. Und wir tauen ihn gemeinsam auf, als gut und frisch gehaltene Nahrung für unseren Glauben. Und auf diesem Nährboden wuchsen die vielen Dienste, die wesentlich vor Ort von den Priestern und Schwestern ausgebildet wurden: die Sonntagsgottesdienstleiter, Leiter der Kleinen Christlichen Gemeinschaften, die Beerdigungsleiter und andere. Vor 1989 gab es die alle nicht in den Gemeinden, dafür Priester und Katechisten. Die Zahl der Priester hat sich in meiner Diözese seitdem fast halbiert, Katechisten gibt es nicht mehr, dafür aber über 800 Verantwortliche aus den Gemeinden, die in Teams einen guten Dienst leisten, weil ihnen ihr Glaube wichtig ist.

J. D.: Unsere Gemeinde ist wie viele andere Gemeinden in Deutschland auf der Suche, wie wir die Menschen wieder für unseren Gott und seine Kirche begeistern können, damit Liebe, Freude und Frieden in der Gesellschaft erhalten bleiben. Können Sie sich vorstellen, ihre afrikanischen Erfahrungen in zwei oder drei Begegnungen mit uns zu teilen, damit wir das eine oder andere durch Sie von Afrika lernen können?

Bischof Wüstenberg: Ich bin gerne bereit, wenn das rechtzeitig abgesprochen wird, mit Menschen Erfahrungen zu teilen, die etwas wollen. Ich will also nichts über pastorale Elephanten, Nashörner oder Löwen erzählen, und nach der Veranstaltung geht man nach Hause und nichts ändert sich. Wenn da aber Leute sind, die neugierig nach Ideen suchen, um etwas selbst zu entwickeln, das zum Ort passt und Sinn macht, wenn das gewünscht ist, dann tu ich das gerne.

J. D.: Unser nächster Pfarrbrief steht unter dem Titelthema: „Geburt Christi -ein wunderbarer Neuanfang“. Die Deutschen neigen oft zur Fehlersuche und Kritik und stehen sich auch gern einmal selbst im Weg, sind aber auch für ihren Ideenreichtum, ihre Perfektion und ihr Durchhaltevermögen weltweit bekannt und damit erfolgreich. Wenn Sie die deutsche Kirche, die deutschen Gemeinden, wenn Sie unsere Gemeinde anschauen, wo gilt es nach Ihrem Empfinden anzufangen, damit die Menschen unsere Kirche wieder lieben und schätzen lernen?

Bischof Wüstenberg: Vielleicht braucht es etwas ganz einfaches: den Geist der Freundschaft und der Gastfreundschaft, Interesse aneinander und an den so unterschiedlichen Talenten, eine Vision, die einen in kleinen Traum-Teams zusammenhält und kreativ Neues werden lässt. Und eines braucht es gewiss: tiefes Vertrauen in eine Grundbotschaft Jesu: Fürchtet Euch nicht! Wenn der unleugbare Wandel der Gegenwart, auch das kleiner Werden zu Angst verführt, wird gar nichts klappen. Das haben die Jünger auch gekannt. Und sie sind weggelaufen. Aber dann kam mein Lieblingswort in der Apostelgeschichte ins Spiel: Wagemut, Kühnheit – das ist es, was die ehemaligen Feiglinge auszeichnete. Das wünsche ich auch Ihnen.

Dieses Interview wurde im Rahmen der Firmung im November 2019 geführt.